Ein Schachmatch mit Computerunterstützung

Complete Chess
Eric van Reem
Bereits zum vierten Mal organisierte die Stiftung Chess Events Maastricht ein interessantes Match. Nach den Wettkämpfen GM John van der Wiel – Rebel 2001 (2,5–3,5), GM Loek van Wely – Rebel 2002 (2–2) und GM Evegni Barejew–Hiarcs 2003 (2–2) experimentierte die Organisation 2004 mit dem Konzept Complete Chess. Complete Chess ist Advanced Chess mit klassischer Bedenkzeit und wurde in dieser Konstellation noch nie ausprobiert. Vom 10.–13. Februar 2004 spielten die beiden Jungtalente Daniël Stellwagen (Niederlande) und David Baramidze (Deutschland) vier Partien im Centre Ceramique in Maastricht.
Beide Spieler durften während der Partie Computerprogramme von Sponsor ChessBase hinzuziehen. CSS-Mitarbeiter Eric van Reem war als Pressechef der Stiftung eine Woche vor Ort und berichtet über das Experiment. Die Kommentare zu den Partien sind von Jan van Reek.
Was ist Complete Chess?
Advanced Chess war eine Idee von Garry Kasparov, die erst mals 1998 in einem Wettkampf gegen Veselin Topalov in León (Spanien) realisiert wurde. Danach wurden in León mehrere Advanced Chess Veranstaltungen durch geführt: 1999 gewann Anand einen Wett kampf gegen Karpov, 2000 und 2001 gewann der Inder gegen Shirov. 2002 verlor Anand allerdings gegen Vladimir Kramnik.
Advanced Chess-Wettkämpfe gab es nicht nur in León. Peter Svidler spielte 2002 in Mainz Advanced Chess-Handicap-Partien gegen Professor Eckard Freise. Svidler hat te ein langsames Notebook zur Verfügung und Prof. Freise durfte einen schnellen Rechner benutzen. Vishy Anand spielte bei gleicher Gelegenheit ein ähnliches Handicap-Match gegen den Main zer Bürgermeister Jens Beutel. Die Amateure hatten allerdings auch mit Computer keine Chance gegen die Profis. „Es wäre besser, wenn wir mehr Zeit zur Verfügung hätten, um den Computer optimal nutzen zu können“, kommentierten die Spieler nach den Partien in Mainz.
Die Organisation in Maastricht nahm die Idee auf und organisierte erstmals ein Advanced Chess-Match mit langer Bedenkzeit, weshalb die Veranstalter diese Form Complete Chess genannt haben. „Es wurden in Léon trotz Computer unterstützung noch viele Fehler gemacht und wir wollten ausprobieren, ob mit längerer Bedenkzeit weniger Fehler gemacht werden würden und ob das Niveau der Partien insgesamt steigen würde“, kommentierte Jan van Reek die Entscheidung. Die Bedenkzeit betrug 40 Züge in 2 Stunden, danach 20 in 1 Stunde und der Rest wurde im Fischer-Mo dus gespielt: 15 Minuten und 30 Sekunden pro Zug.
Die Spieler
David Baramidze, 15, wurde am 27.09.1988 in Tiflis (Georgien) geboren. Mit fünf Jahren lernte er Schach von seinem Vater und mit 14 Jahren bekam er den Titel eines Internationalen Meisters. Seine aktuelle Wertungs zahl ist 2456. Im letzten Jahr gewann David Baramid ze das starke Open in Deizisau vor vielen Großmeistern. In Mainz spiel te er beim Chess960-Turnier mit, was ihm großen Spaß machte. Der junge Deutsche mag Sport, besonders Fußball und Schwimmen. Im Schach spielt er für den Klub SF Dortmund-Brackel. Mit 13 Jahren spielte er einen Wett kampf gegen Alisa Maric, den er mit 4,5–3,5 gewann. Er hat so gar schon gegen Kasparov gespielt: Bei einem Simultan in Frankfurt im Jahre 2000 er reichte David ein Remis.
Daniël Stellwagen, 17, wur de am 01.03.1987 geboren. Er ist zur zeit das größte Schachtalent in den Niederlanden. Er trägt den Titel Internationaler Meister und ist der jüngste Niederländer, der jemals diesen Titel erwarb. Seine Wertungs zahl ist 2487. Im letzten Jahr hat er zwei GM-Normen erzielt: beim Corus-Turnier und in der niederländischen Meister schaft. Im Januar erreich te er 6,5/13 im stark besetzten B-Turnier in Wijk aan Zee und gewann 13 Elo-Punkte. Daniël lernte Schach mit sieben Jahren von seiner Mutter. Nur vier Jahre später schlug er mit GM Rantanen aus Finnland bereits den ersten Großmeister. Daniël spielt in der Mannschaft für HSG in Hilversum. In Dezember gewann er den De Feijter-Endspielstudien-Wettbewerb in Deventer mit erstaunlichen 100%. Er hat selber bereits einige tolle Endspielstudien komponiert und arbeitet auf diesem Gebiet gerne mit dem israelischen Meister Yochanan Afek zusammen.
Beide Spieler gehören zu einer Generation, die mit Computern, Schachprogrammen und Datenbanken aufgewachsen ist und sich regelmäßig damit auf Turniere vorbereitet. Des halb sind beide mit der Handhabung sehr vertraut, und dies besonders in Bezug auf die bekannten Programme Fritz und ChessBase8. Beide Spieler haben aller dings selten oder nie mit den Engines Shredder, Junior und Hiarcs gearbeitet.
Während der Partien arbeiteten die Spieler mit ChessBase und ließen meistens zwei Engines analysieren, wobei Baramidze haupt sächlich Shredder und Fritz analysieren ließ. Stellwagen arbeitete fast aus schließlich mit Shredder und Hiarcs. Junior wurde im Match von den beiden Jugendlichen gar nicht verwendet. Die Spieler durften außer dem die Mega Database 2004 zum Nach schlagen benutzen. Die verwendeten Rechner, ein Pentium 4 mit 2,8 GHz und 512 RAM, kamen vom lokalen Sponsor Paradigit Computers. Gespielt wurde, wie schon in den Jahren zuvor, im Centre Ceramique in Maastricht. Schiedsrichter war Geurt Gijssen, der schon bei vielen Turnieren, Olympiaden und Weltmeisterschaft matches als Hauptschiedsrichter fungierte.
Die Partien
Beim auf vier Partien angesetzten Wettkampf zwischen David Baramidze und Daniel Stellwagen konnte der Deutsche den ersten Punkt machen. Stellwagen verpasste ein Remis im Turmend spiel nach einer spannenden und scharfen Partie in der Drachenvariante. In der ersten Partie hat der junge Deutsche mit Shredder und Hiarcs analysiert. Es sah so aus, als ob das Endspiel Remis enden würde, doch dann mach te Stellwagen einige Fehler im Turmendspiel. Entweder hat er andere Engines verwendet oder aber nicht tief genug in die Varianten geschaut, da er der Überzeugung war, das Turmendspiel einfach halten zu können.
Partie 1
Partie 2
Viele dachten, dass der Vier partien-Wettkampf mit Computer hilfe viele Remisen mit sich bringen würde, weil die zur Hilfe genommenen Engines das Spiel fehler freier gestalten und nivellieren würden. Doch wie sich herausstellte, kann man nicht alles mit dem Computer überprüfen. In der zweiten Partie hatte David Baramidze große Schwierigkeiten, eine Antwort auf 25.Tee1 zu finden. „Es gab so viele Möglichkeiten, allerdings gefiel mir meine Stellung nicht“, sagte er nach der Partie. Und Daniël gab zu, dass der sehr starke Zug 27.Te4! ein Computerzug war. „An diesen Zug hatte ich über haupt nicht gedacht. Aber der Computer schlug ihn vor und sah mich dann im Vorteil, also zog ich ihn“, meinte der junge Holländer erfreut. Stellwagen hatte während der ganzen Partie einen Turniere kleinen Vorteil, obwohl Schwarz wahrscheinlich eine Chance zum Remis versäumt hat. Nach 38.Kd4 spielte Baramidze 38...Lb3?. Richtig ist 38...Kd8 39. Sf3 La2! 40. Ke5 Kd7 41. Sg5!? h6 42. Se4 b5! mit genügend Gegenspiel, obwohl die Angelegenheit alles andere als klar ist.
Partie 3
In der dritten Partie schienen die Youngster sehr in Eile gewesen zu sein, denn die ersten 20 Züge flogen nur so auf das Brett. Nach 24.Tg3 schaute sich Daniël Stellwagen die entstandene Position sehr gründlich an und prüfte 45 Minuten lang viele Varianten mit den Engines Shredder 8 und Fritz 8. Bisher waren die Spieler der Schnellpartie Lutz–Ye Jiangchuan, Europa–Asien 2001, gefolgt, nun spielte Stellwagen 24...Dc7! anstelle des schlechreren 24...Txc4? Baramidze fand nun einen Weg, den Vorteil festzuhalten und forcierte ein Remis durch Zugwiederholung. Nach 35 Zügen und nur zwei Stunden war die Partie vorbei.
Partie 4
Die vierte Partie schien im Remis zu enden, denn Baramidze hatte sich für eine sehr ruhige Eröffnung entschieden. Er überraschte seinen Gegner mit der russischen Verteidigung. Stellwagen reagierte mit dem seltenen 5.Sc3 statt 5.d4. Im frühen Mittelspiel startete der „holländische Boris Spassky“ (Jan van Reek) einen Angriff mit 14.h4 und spä ter 17.g4. Baramidze, ansonsten ein sehr versierter Verteidiger, griff mit 22...Dd6 fehl. Nun hätte Stell wagen mit f4 und f5 starken Angriff erhalten können, doch er hatte nicht genügend Zeit, um die Varianten mit den Engines zu überprüfen. Nach der Partie erzählte der junge Holländer, dass die Einschätzung der Engine auf seinem Rechner mit +2 für ihn völlig falsch gewesen sei. Nach einigen wenig genauen Zügen von Stellwagen bekam Baramidze wieder eine verteidigungsfähige Stellung und verpasste in der Folge eine Remismöglichkeit. Schließlich musste er das klar schlechtere Damenendspiel aufgeben.
Somit gewann Stellwagen das Match mit 2,5–1,5. Die beiden Spieler hatten großen Spaß beim ersten Complete Chess-Wettkampf und Stellwagen meinte, dass es schwer sein wird, im nächsten Turnier wieder ohne die Hilfe von Fritz spielen zu müssen. Auch Baramidze hat die Woche in Maastricht gefallen: „Ich spiele gerne mit Computerhilfe, dass macht viele Dinge leichter.“ Kurz nach dem Match trafen sich die Spieler wieder: In der Pulvermühle beiden zweiten Fränkischen Großmeistertagen mussten die Youngster ohne Computerhilfe auskommen.
Stellwagen nahm sich während der Partien in Maastricht viel Zeit, um auchmal ohne Computer Ideen zu prüfen und hat sich nicht immer auf die Engines verlassen, wie insbesondere in der vierten Partie klar wurde. Zwischen dem 30. und 40. Zug hat er sich hauptsächlich auf seine Intuition vertraut. Dagegen ließ sich Baramidze sehr von den Vor schlägen der Engines beeinflussen und spielte viele „Computer züge“, die insbesondere im Zeitnot nicht immer gut waren. Die Organisatoren Jan van Reek, Daniel Brorens und Jos Uiterwijk waren sehr zu frieden mit dem Complete Chess-Match und haben vor, auch im nächsten Jahr ein ähnliches Match mit einem Top 20-Spieler zu organisieren. Viele weitere Infos und Bilder finden Sie auf der Website www.chessevents.nl.






