Das Match GM Loek van Wely gegen Rebel Century 4.0

Männerrunde
Eric van Reem
Eric van Reem wollte sich nach der letzten Partie noch kurz mit GM Loek van Wely über die Partien gegen Rebel unterhalten. Kommentator und Organisator Jan van Reek, Schiedsrichter Geurt Gijssen und Rebel Autor Ed Schröder wollten aber ebenfalls gerne wissen, wie van Wely das Match empfunden hatte und beteiligten sich rege an dem Gespräch. Dabei wurden nicht nur die Partien des Matches angerissen.
Die Partien
Van Reek: Ich habe nicht verstanden, warum du in der ersten Partie so lange weitergespielt hast. Im Endspiel konntest du doch nicht gewinnen und du hättest wissen müssen, dass Computer in solchen Endspielen keine Fehler machen.
Van Wely: Na ja, so einfach war es nicht. Ich konnte ohne Risiko weiterspielen, weil ich davon ausgegangen bin, dass ich die Partie nicht verlieren konnte. Meine Freibauern waren ziemlich stark und mit den beiden Läufern hätte ich vielleicht noch gewinnen können. Aber ich hatte wenig Zeit und dann ist es schon schwierig die Züge zu finden. Übrigens dachte ich bis zum Schluss, dass die Stellung remis war.
Schröder: Hat Rebel in der Partie unerwartete Züge gespielt?
Van Wely: Ich habe ehrlich gesagt nicht verstanden, warum Rebel dieses Endspiel überhaupt spielen wollte.
Schröder: Das hat damit zu tun, dass Rebel die Dame zu hoch eingeschätzt hat. Das Programm hat nicht genau verstanden, wie stark die Läufer in diesem spezifischen Endspiel sind.
Van Reem: Loek, du hast dich bestimmt darüber geärgert, dass du die erste Partie noch verloren hast. Warst du da vor der zweiten Partie besonders motiviert?
Van Wely: Nicht mehr als sonst. Ich wollte natürlich »meine« Stellung auf das Brett bekommen. Wenn ich es schaffe, eine typische Anticomputer-Position auf das Brett zu bekommen, habe ich einen ruhigen Tag.
Van Reem: Partie 2 war für dich also so ein ruhiger Tag?
Van Wely: Genau.
Van Reem: Du hast 12.Lg3 einen »Casinozug« genannt.
Van Wely: Ja, Lg3 war ein fantastischer Zug, den ich nie gegen Menschen spielen würde. Die Schönheit des Zuges liegt darin versteckt, dass ich nicht verlieren kann, wenn er nicht auf g3 den Läufer nimmt. Aber ich war überzeugt davon, dass Rebel den Läufer nehmen würde. Übrigens war der Zug 11...Se4 ganz gut, aber der Rest ... na ja.
Schröder: Rebel hatte in der Partie sehr lange an Sxe5 gerechnet, entschied sich dann aber im letzten Moment für 13...Tc8. Nach 13...Sxe5 und dann 14...d4 ist doch nichts los für Weiß.
Van Reem: Die dritte Partie war eine tolle Rebel-Partie. Loek, möchtest du etwas dazu sagen?
Van Wely: Der Computer hat eine Menge gute Züge gespielt. Nach etwa 10 Zügen war ich ziemlich zufrieden, aber dann kam 13.Tfc1 und gleich 14.c4. Das war ein Rückschlag für mich. Danach spielte er sehr geschickt mit seinen Springer und die Dame kam nach g4. Das war für mich sehr unangenehm. Ich musste ja vermeiden, dass der Angriff innerhalb des Computerhorizonts kommt.
Schröder: Das Manöver 20.Ta3 und 23.Th3 fand ich auch nicht schlecht.
Van Wely: Ja, es war eine Partie, die in der Computerschachwelt bestimmt mit viel Neid betrachtet wird. Rebel hat in dieser Partie sehr gut gespielt, keine Frage.
Van Reek: Es war die erste klassische Gewinnpartie eines Computers gegen einen Spitzengroßmeister.
Schröder: Normalerweise greift der Mensch an, diesmal war es der Computer.
Van Reem: In der letzten Partie konntest du wieder gewinnen.
Van Wely: In Wijk aan Zee habe ich gegen Lautier gespielt. Danach habe ich mit Seirawan die Eröffnung analysiert, die ich zufällig heute in der vierten Partie gegen Rebel auf dem Brett hatte. Ich war sehr froh, dass Rebel 7...d6 spielte, da nach 7...e6 und 8...d5 eine ganz andere Spannung im Zentrum entsteht, die für mich unangenehmer ist.
Van Reek: Rebel wollte mit 9...Se5 aktiv spielen, der erste neue Zug, aber es war eigentlich nach einigen ruhigen Zügen von Loek mit der Aktivität sofort vorbei.
Schröder: Computerschach hat so seine eigene Theorie.
Van Wely: Im Endspiel hatte ich doch noch meine Bedenken, ich war mir nicht ganz sicher, ob ich die Stellung gewinnen konnte. Deshalb habe ich so lange nachdenken müssen.
Schröder: Auch hier hat Rebel lange über den richtigen Zug nachgedacht, spielte dann aber 41...Th2.
Van Wely: Was hätte er denn sonst spielen sollen?
Van Reek & Schröder: 41...Kg8!
Van Wely: Die Variante habe ich gesehen, aber dann hätte ich auch gewonnen.
Van Reem: 4–0 für Weiß. Ist die Farbe wirklich so wichtig, insbesondere gegen Computer?
Van Wely: Das Zentrum ist sehr wichtig. Weiß kann eine bestimmte Struktur festlegen und dominanter agieren. Mit Schwarz muss man sich anpassen.
Eröffnungsbücher und Endspieldatenbanken
Gijssen: Findest du es nicht unfair, dass der Computer lange ohne zu überlegen aus dem Buch spielen darf und der Mensch bereits in der Eröffnung gezwungen ist nachzudenken?
Van Wely: Ich habe kein Problem damit. Menschen haben doch auch sehr viele Eröffnungsvarianten im Kopf, die sie automatisch abrufen können.
Gijssen: Ist es ein Vorteil, wenn du schnell das Buch verlassen kannst? Der Computer antwortet a tempo.
Van Wely: Es ist manchmal schon blöd, wenn das Programm sofort antwortet.
Gijssen: Und wie sieht es im Endspiel aus? Das Programm kann doch alle 5-Steiner perfekt spielen. Menschen nicht.
Van Wely: Es ist nun mal ein Computer. Wenn man gegen Computerprogramme spielt, weiß man, dass es anders ist als gegen Menschen. Man spielt gegen Computerprogramme anders als gegen Menschen, es ist eine andere Disziplin. Ich habe keine Probleme damit, wenn Computer mit Endspieldatenbanken und Eröffnungsbüchern spielen.
Gijssen: Im Endspiel finde ich es schon problematisch und unfair.
Schröder: Ich sehe da auch Unterschiede, denn im Eröffnungsbuch findet man ja auch noch eigene Varianten und Ideen.
Vorbereitung
Van Reem: Loek, hast du noch Zeit gehabt dich auf das Match vorzubereiten? Nach Wijk aan Zee und Moskau blieb ja nicht mehr viel Zeit.
Van Wely: Ich habe eine Woche Zeit gehabt und das war genug. Ich brauche doch keine Monate, um mich auf ein Computerprogramm vorzubereiten so wie Kramnik. Ich verstehe nicht, warum er soviel Zeit braucht. Na ja, ich gehe davon aus, dass das Match gar nicht stattfinden wird. Wie sind denn eigentlich die Bedingungen im Moment?
Schröder: Kramnik bekommt genau die Engine, die in Bahrain gegen ihn antreten wird. Wenn er möchte, kann er einfach eine Partie aus seiner Vorbereitung kopieren. Nicht gerade fair.
Van Wely: Wenn es so ist, ist es nicht korrekt.
Van Reem: Sind Matches Mensch–Maschine trotzdem noch interessant, auch in den nächsten Jahren? Natürlich nur wenn die Bedingungen stimmen.
Van Wely: Computerprogramme haben meiner Meinung nach noch viele strukturelle Probleme und es wird noch lange dauern, bis alle Bugs und Fehler beseitigt worden sind. Starke Spieler, die gut Anti-Computerschach spielen können, werden auch in den nächsten Jahren noch leicht gewinnen.
Schröder: Aber man muss Anti-Computerschach spielen. Wenn Spitzenspieler »normal« spielen, wird es ganz schwierig für Menschen.
Analysieren mit Fritz und Crafty
Van Reem: Interessiert dich die Computerschachszene?
Van Wely: Nein, ich kenne zwar die Ergebnisse und manchmal sieht man eine schreckliche Computerpartie, mehr habe ich mit Computerschach aber nicht zu tun.
Van Reem: Aber du benutzt doch auch Computer bei der Vorbereitung auf Turniere, oder?
Van Wely: Ja klar, ich habe ChessBase und verwende Fritz und Crafty als Analyse-Engine.
Van Reek: Aber nur um taktische Varianten zu kontrollieren?
Van Wely: Ja. Ich arbeite zwar regelmäßig mit dem Computer, aber ich empfinde es als einen Nachteil für meine Kreativität. Ich benutze Computerprogramme nicht für strategische Themen. Übrigens ist mein Laptop auch nicht mehr besonders up to date. Ich habe einen Pentium 300 mit 64 MB RAM.
Van Reek: Wenn ich analysiere, arbeite ich mit Hiarcs als Basisprogramm. Danach verwende ich dann noch ein taktisch starkes und schnelles Programm, z.B. Fritz oder Junior.
Van Reem: Wirst du jetzt auch Rebel des Öfteren benutzen?
Van Wely: Ich kann Rebel leider nicht als Engine unter ChessBase einbinden, aber ich habe es zu Hause auf dem Desktop installiert.
Schröder: Es ist auch nicht so einfach, sich an ein neues Interface zu gewöhnen.
Und 2003?
Van Reem: Wie war das Interesse im Internet?
Van Reek: Wir hatten etwa 10.000 Besucher auf der Homepage und täglich haben etwa 300 Schachfreunde die Partien im ICC verfolgt. Die Besucherzahl hat sich im Vergleich zu 2001 verdreifacht als Rebel gegen van der Wiel spielte.
Gijssen: Wird nächstes Jahr wieder ein Match organisiert?
Van Reek: Ja. Dieses Jahr lief alles viel runder als im letztem Jahr, auch finanziell. Wir wollen in den nächsten Jahren intelligente Menschen gegen intelligente Programme spielen lassen. Ich würde sehr gerne mein Lieblingsprogramm Hiarcs mal in einem Match spielen sehen. Aber wir halten alle Optionen für nächstes Jahr noch offen.
Lucky Loek
Nach dem gemeinsamen Abendessen fuhr van Wely von Maastricht aus weiter nach Köln, da er bereits am nächsten Tag eine Partie in der Bundesliga spielen musste. Er gewann. Danach wollte der Niederländer eine Woche zum Skifahren. Schnee und Glatteis erschwerten allerdings den Weg gen Süden, und dies bemerkte »Lucky Loek« erst, als er sich mit seinem Jaguar mehrfach überschlug. Es war ganz leicht auszusteigen: die Türen seines Jaguars existierten nämlich nicht mehr. Laut Polizeibericht grenzte es an ein Wunder, dass überhaupt jemand lebendig aus dem Wrack gestiegen war. Nach zwei Tagen in einem Krankenhaus konnte van Wely wieder entlassen werden. Einige Tage später konnte man den Vielspieler bereits wieder an einem Schachbrett antreffen – in Island.









