Rochade Europa
Und wieder schlug das Silizium Monster zu!
Detlev Pordzik / Peter Vossen
Kaum glaublich -aber wahr: folgt man als nicht alzu Metier-kundiger Leser heutzutage den einschlägigen Gazetten und den Reportagen ihrer Berichteentwerfer, scheint es in der computerisierten Schachwelt eigentlich nur noch eine äußerst eingegrenzte Anzahl von Themen zu geben, etwa:
1. Wann wird Shredder - zum wie vielten Mal - Weltmeister?
2. Wer - war - wann auf dem Internetserver einer großen, deutschen Computerschach-Firma?
3. Wer hat das nun aber final längste (aussagefähige) BLITZ Match 5 Min + 4 Sek unter Fritzens GUI abgehalten?
"BtF" nennt sich sowas - für den, der's tatsächlich immer noch nicht wissen sollte: "Best for Fritz". (Ah so...nomen est omen...).
Man fühlt sich dann schon fast aufgeschreckt, entdeckt man irgendwo eine versteckte Meldung, dass ein leibhaftiger Großmeister, tief in Holland, unlängst gegen ein vollig antiquiertes Schachprogramm längst vergangener Zeiten angetreten ist. Wie hieß das? CENTURY 4? - Hmmm - Ed Schröder der Entwickler - den kennt man noch vage, aber: ist der nicht total out mit seinen Produkten in der schönen, neuen XP-Welt? Und jetzt ausgerechnet der?
Wo man doch allerortens bemüht ist, den Fritz endlich um den absoluten Titel gegen den - wie hieß er - BRAINGAMES-Weltmeister (sic) Kramnik antreten zu lassen? Lediglich die Preisfrage, der Austragungsort, die Modalitäten und eigentlich sonst auch noch alles mussten eben geklärt werden. Und dann hätte man ihn aber gehabt, den Ultimativen...BRAINGAMES...bis dann im Zuge der heutigen Kommerzialisierung beispielsweise Dr. Oetker (wieso eigentlich nicht, - siehe in Hamburg die AOL-Arena (war: Volksparkstadium) genug Geld gegeben hätte und es im Jahr darauf den ultimativen Dr.-Oetker-Schach-WM...
Verlassen wir lieber diesen Ausflug in (durchaus denkbare) Horrorvisionen. "Pecunia non olet" wussten schon die Alten in Rom - und die heutige, alerte Generation jüngerer Manager + Macher weiß es allemal.
Wenden wir uns dem zu, was eigentlich Gedankengut dieses Magazines sein sollte: Schach. Und davon gedenke ich Ihnen, reichlich anzubieten. So richtig nach Altväter Sitte - ohne Webcam und chats, ohne "Kommentierungen" via evaluation lines anderer (Comturerschach) motoren - womöglich noch garniert durch die automatisch generierten Kürzel +=; +/- etc. etc.
Co-Kommentator Peter Vossen und ich werden versuchen, Ihnen die vier äußerst interessanten, teilweise hochklassigen und auf alle Fälle instruktiven Partien des Matches GM Loek van Wely gegen CENTURY 4 näher zu bringen.
Nach den bisherigen Matches gegen die Größen Yussupow, Van der Wiel und Anand ist CENTURY nun auch nach dem Match gegen van Wely im 4 set gegen menschliche GM's insgesamt ungeschlagen - und da kann man wohl kaum noch von "Zufall" sprechen. Gerade van Wely hatte wohl als Mitglied der "Top Ten"-Riege bei 2.714 ELO und einem Super-GM-Status absolut nichts zu verschenken!
Das Match fand vom 19. bis 22. Februar 2002 im Ceramique Centre, Maastricht, Niederlande statt. Organisationsdirektor war Jan van Reek für die Maastricht Chess Events Foundation; Turnierdirektor Geurt Gijssen. Selbstverständlich wurden alle Partien live im Internet übertragen - hierfür trug Daan Brorens die Verantwortung, während vor Ort Jan van Reek die Partien kommentierte.
Der GM wurde von den Veranstaltern ausgewählt -Ed Schröder lediglich um Zustimmung gebeten.
Als Team stand Ed Schröder Rob Kemper als Gesamtkoordinator, ferner die Herren Christophe Theron (TIGER), Stehn Suurballe und Dan Wulff (GANDALF) sowie die beiden Webmaster Jan Willem Schoonhoven und Manfred Rosenboom zur Verfügung.
Gespielt wurde (man staune) unter regulären Turnierbedingungen: 40 Züge in 120 Minuten; weitere 20 Züge in 60 Minuten, Hernach gesamtverbleibender Rest der Partie: 30 Sek. nach Fischer-Uhr.
CENTURY 4 lief auf einem konventionellen ATHLON 1.900 + mit 512 MB RAM, als interne Einstellung wurde lediglich der "Anti-GM"-Modus und als Buch der brandneue, 55 Millionen Züge starke EOC benutzt. Zu letzterem ist nach Auskunft des Programmvaters noch zu bemerken, dass versehentlich mit der falschen (sic) EOC für Schwartz gespielt worden ist, mit der korrekten Version hätte die fehlerhafte Eröffnungsbehandlung mit Schwartz in Partie 2 vermieden werden können.
Hierfür steht allen registrierten Besitzern des CENTURY 4 Mega mittlerweile eine patch.exe auf dem Server der Firma zur Verfügung.
Wenden wir uns nun den Partien zu - wobei Kollege Peter Vossen und ich Sie recht herzlich dazu animieren möchten, sich via Nachspielen dieser schönen Partien diese kleinen Perlen nicht entgehen zu lassen!
Zusammenfassung: Abgesehen von der falschen Eröffnungswahl gelang es dem GM immer wieder, die Partie annähernd offen zu gestalten. Ja, er schlug sogar, in Überschätzung der eigenen Möglichkeiten, ein Remisangebot aus und wurde prompt dafür bestraft.
Zusammenfassung: Die "Rückkehr" des GM - CENTURY kann zwar einen Königsangriff mit Mühe abwehren, seine Gesamtposition bleibt aber desolat und so ist das (frühe) Ende eine logische Konsequenz.
Zusammenfassung: Wohl eine, wenn nicht die "beste" weil "humanste" Leistung eines Hybriden, die ich jemals im Spiel unter regulären Bedingungen gegen einen Menschen - und noch dazu gegen einen so extrem starken GM, gesehen habe. Und wieder soll die ehemals so probate und mittlerweile wobl als "ante Portas" zu bezeichnende Eröffnungswahl von Schwartz nicht unerwähnt bleiben.
Zusammenfassung: Unter "Gewinnzwang" stehend agiert der GM auch entsprechend. CENTURY hält sich eigentlich gut, bekommt aber danach eine kostenlose Demonstrationsstunde, wie "Mensch" ein Endspiel zu führen im Stande ist. Trotz aller Krücken für die Hybriden wie die perfekten TB's u.a.m.
Fazit: Was Sie hier haben nachspielen konnen, war u.E. nach insgesamt Schach auf hohem Niveau. Das "Maschinenhafte", was eh' nie besonders prägnant in CENTURY ausgeprägt war, ist einer homogenen Spielanlage über alles gewichen, die ich nur schwer in Worte fassen kann.
Co-Kommentator Peter Vossen, der eine Hauptlast in der deskriptiven Analytik für Sie trug, und ich staunten des ofteren gemeinsam nicht schlecht, was der "Hybrid" als quasi selbstverständlich beinhaltetes Wissen so im Spielverlauf demonstrierte.
Unserer Ansicht nach hat CENTURY 4 ein weiteres, neues Kapitel im Spiel "gegen Menschen" aufgeschlagen. Obwohl es mir nach wie vor schwer fällt, nachzuvollziehen, wie man ein Programm "gegen Menschen" tunen kann - prinzipiell halte ich es eigentlich rondheraus für unmöglich. Dasselbe Programm nämlich - vorgeblich nach "Expertenansicht" "gegen Menschen getuned" spielt bereits kurz nach seiner Aufnamne in das "offizielle" Rating in Schweden eine ganz ausgezeichnete Rolle mit einem derzeitigen Platz 6 - und die Programme, gegen die es "der Angstgegner" ist, kommen noch.
"Angst" vor dem Erwerb des CENTURY brauchen Sie auch nicht zu haben. CENTURY kann problemlos neben den 16 bit/Mischsystemen W95 + 98SE-II selbstverständlich (sic) auch unter W2000 installiert werden, er kann 200MB an RAM für hash tables verwalten (entsprechende Gesamtausstattung selbstredend vorausgesetzt).
Für April 2002 hat die Ed Schröder B.V. einen "XP patch" angekündigt - damit das Programm auch unter diesem, auf Grund seiner obskuren "Sicherheitsmerkmale" immer stärker in Verruf geratenden, Betriebssystem lauffähig ist.
Im selben Monat soll es eine voll funktionierende REBEL-Winboard Adaptierung gebeh - Angesichts der gezeigten Leistungen, dem derzeitigen scoring in Schweden und den Ankündigungen der Schröder B.V. besteht wahrlich aus Sicht des Rezensenten kein Anlass, sich dieses gute Stück Schachprogrammierung entgehen zu lassen.








