John van der Wiel - Rebel

Maastricht 2001 January 2,3,4,9,10,11 Centre Céramique
Maastricht 2001123456Score
John van der Wiel½½100½
Rebel Century 3.0½½011½
  • Match Director
  • Maarten van Gils
  • Arbiter
  • Geurt Gijssen
  • Commentator
  • Jan van Reek
  • PR Officer
  • Jos Uiterwijk
  • Webmaster
  • Daniel Brorens

Wettkampf in Maastricht

Rebel Century gegen GM John van der Wiel

Karsten Bauermeister

Im holländischen Maastricht werden nicht nur weltbewegende Verträge gescblossen, sondern manchmal auch herausragende Schachveranstaltungen abgehalten. Vom 2. bis 4. und vom 9. bis 11. Januar 2001 spielte Rebel Century 3.0 im Zuge der Reihe »Rebel versus Großmeister« sechs Turnierpartien gegen den holländischen Großmeister John van der Wiel.

Nach den Wettkämpfen gegen Anand, Smyslov und Yussupov traf Rebel Anfang Januar erneut auf einen starken Großmeister. Der Holländer John van der Wiel ist mit einer Elozahl von etwas über 2500 zwar nominell nicht einer der stärksten Schachspieler der Welt, hat im Spiel gegen Computer aber große Erfahrung und herausragende Ergebnisse aufzuweisen. Beispielhaft sei erinnert an seinen Sieg beim AEGON-Turnier 1995 mit 5,5 aus 6 Partien. Zwar starteten die Gegner damals gerade auf Pentium-90-Maschinen, dennoch ein bemerkenswertes Ergebnis.

Im Jahr darauf bewies van der Wiel, dass das keine Eintagsfliege war. 1997 erreichte er wieder 5,5 Punkte aus 6 Partien. Sein Pech war nur dass in diesem Jahr der amerikanische Großmeister Yasser Seirawan mit der Traumergebnis von 6 Punkten aus 6 Partien buchstablich nicht zu schlagen war. Im darauffolgenden Jahr 1998 lief es nicht ganz so gut. »Nur« 4,5 Punkte aus 6 Partien bedeuteten einen geteilten vierten Rang. Nicht zu vergessen auch der Gewinn gegen Fritz SSS in der letztjährigen holländischen Meisterschaft.

Alles in allem gibt es 28 bekannte Partien des Großmeisters gegen elektronische Gegner, aus denen er ein Score von 24,5 zu 3,5 gegen die elektronische Schach-Elite erzielen konnte. Nur eine einzige Partie ging in all den Jahren verloren. In einem Simultanwettkampf von 1990 in Brüssel gewann ein Fidelity-Gerät gegen den Holländer. Der Holländer verstand es einfach prächtig die Programme in geschlossene Eröffnungssysteme zu zwingen und langsam auszumanövrieren. Alle Partien finden sich natürlich auf der CSS-Diskette.

Angesichts dieser Vorgeschichte bedeutete es für Ed Schröder ein gewisses Risiko, ausgerechnet gegen diesen Gegner anzutreten.

Turnierbedingungen

In der Vergangenheit wurde hin und wieder Unmut laut über die veröffentlichten Ergebnissen von Ed Schröders Rebel. So proklamierte er etwa einen 5:3-Sieg seines Programs gegen Vishy Anand. Dabei blieb aber teilweise im Unklaren, dass lediglich zwei der Partien unter turnierbedingungen gespielt wurden, vier jedoch auf Blitzstufe. Dies kann allerdings nicht ausschließlich dem holländischen Programmierer angelastet werden. Wettkämpfe gegen menschliche Großmeister sind schließlich eine teure Angelegenheit. Man sollte nicht annehmen, das diese lediglich für Kost und Logis spielen. So ist es nur zu verständlich dass teilweise kurze Bedenkzeiten genutzt wurden, um mehr als eine Partie pro Tag austragen zu können.

Dieses Mal jedoch sollte alles perfekt sein. Im Centre Céramique in Maastricht wurde ein Wettkampf über volle sechs Turnierpartien mit einer Bedenkzeit von zwei Stunden für die ersten 40 Züge und eine Stunde für den Rest der Partie durchgeführt. Das Ganze unter Aufsicht des anerkannten internationalen Schiedsrichters Geurt Gijssen.

Erwartungen vor dem Match

Schröder ließ vor der Partie im Internet die Computerschachgemeinde schätzen, wie Rebel unter diesen Bedingungen wohl abschneiden würde. Da die Computerprogramme in der jüngere Vergangenheit immer öfter bewiesen haben, dass sie mittlerweile auf echtem Großmeisterniveau agieren, war es kein Wunder, dass die Mehrzahl der Abstimmenden ein knappes Ergebnis erwartete: Nur 19,5 Prozent tippten auf ein Ergebnis mit mehr als zwei Punkte Unterschied. Die meisten Stimmen (23,3 Prozent) votierten angesichts des Erfahrungsschatzes des Großmeisters auf einen knappen Sieg (3,5:2,5) des Menschen. Insgesamt 48,2 Prozent sahen am Ende John Van der Wiel mehr oder weniger knapp in Front. Doch die Maschine belehrte sie eines Besseren. Mit 3,5:2,5 trug Rebel einen durchaus verdienten Sieg davon!

Kampfremis

Gleich in der ersten Partie zeigte der Großmeister, wer Herr im Hause ist. Mit den schwarzen Steinen setzte er das Programm machtig unter Druck. Doch Rebel verteidigte sich umsichtig und konnte einen halben Punkt retten, nachdem van der Wiel schon im 33. Zug einen relativ einfachen Gewinn ausließ. Auch später in der Partie spielte der Großmeister nicht immer optimal. Hier hat der Mensch einen halben Punkt verschenkt.

Nach diesem etwas unglücklichen Auftakt hatte sich der Großmeister für die zweite Partie natürlich etwas vorgenommen. Nach einer ruhigen Eröffnung, in der Van der Wiel bewußt zunächst eine ausgeglichene Stellung anstrebte, war es wiederum er, der in gewonnener Stellung fehlgriff. Nachdem er sich durch feines Spiel und auf die Gefräßigkeit der Maschine vertrauend einen starken Freibauern im Zentmm verschafft hatte, ließ er taktische Moglichkeiten aus, diesen zu verwandeln.

In der dritten Runde konnte der Großmeister endlich die Lorbeeren eines Sieges ernten. Nach einem umkämpften Mittelspiel erreichen die Kontrahenten ein Turmendspiel, in dem Rebel daneben griff. Dieses Mal ließ sich Van der Wiel den Sieg nicht mehr nehmen.

Verlust in Runde 4

In Runde 4 ließ sich der Großmeister auf ein scharfes taktisches Scharmützel ein und wurde prompt bestraft!

Theoretische Diskussion

Nach vier Runden konnten beide Kontrahenten zwei Punkte auf ihrem Konto verbuchen. Van der Wiel war vielleicht schon ein wenig müde und beging in der fünften Runde einen »Fingerfehler«. Er vertauschte in der Eröffnung zwei Zuge, was Rebel erneut die Moglichkeit gab, eine scharfe Variante auf das Brett zu zaubern. Das Resultat war ein Desaster für den Großmeister.

Remis zum Abschluß

Für Runde 6 hatte sich der Großmeister noch einmal etwas vorgenommen: Nach einer ruhigen Eröffnung wollte er gewissermaßen aus der Hinterhand kontern. Nach beiderseitig nicht optimalem Spiel einigte man sich in Gewinnstellung für Rebel auf remis.

Trotz des verschenkten halben Punktes konnte Ed Schröder mit den Leistungen seines Zöglings Rebel Century 3.0 sehr zufrieden sein. John van der Wiel ist aufgrund seines positionellen Stils und seiner großen Erfahrung im Kampf gegen Schachprogramme ein überaus schwer zu schlagender Gegner für jedes Computerprogramm. In meinen Augen entspricht das Ergebnis von 3,5:2,5 für Rebel auch in etwa den tatsächlichen Krafteverhältnissen der Kontrahenten in diesem Match. Beide Parteien haben Chancen ausgelassen, sich aber auch großartig geschlagen. Immerhin stand der Großmeister in mindestens vier Partien zwischenzeitlich auf Gewinn, was seiner grundsätzlichen Strategie recht zu geben scheint.

Zu Rebel merkte der Großmeister an, dass das Programm es besser als andere verstünde, typische Anti-Computer-Stellungen zu vermeiden. Das war sicher einer der ausschlaggebenden Punkte im Wettkampf. Weitere Analysen und Hintergründe gtot es auf der sehr guten Internetseite des Holländers unter http://www.rebel.nl.

Die Wettkampfe von Rebel gegen menschliche Großmeister sind eine echte Bereicherung für das Computerschach. In meinen Augen müßte der nächste Gegner eigentlich Yasser Seirawan heißen, der John van der Wiels Nachfolger als Gewinner des Aegon-Turniers 1997 war und ebenfalls als einer der besten Spieler im Kampf gegen Computer gilt.